Die ganze Geschichte: Meine Auseinandersetzung mit Europas Establishment

Yanis Varoufakis, ehemaliger Finanzminister Griechenlands, erklärt in der Einleitung seines Buches, was er mit "deep establishment" meint (dies steht im englischen Titel). Dies wurde ihm von Larry Summers, dem früheren USA Finanzminister in der Clinton Administration und späteren Präsidenten der Harvard Universität, erklärt: "Die Insider, die Politiker, die "dazugehören", müssen unterschieden werden von den "Outsidern", den Politikern, die nicht "dazugehören". Letztere können ihre Meinung offen sagen, niemand im inneren Kreis hört aber auf sie, und sie haben keinen Einfluss. Erstere jedoch haben Zugang zu geheimen Informationen, und sie haben die Möglichkeit – aber keine Garantie - die Mächtigen beeinflussen zu können. Sie müssen sich aber an die eine Grundregel halten, sich nie gegen andere Insider zu stellen und nie nach aussen verlauten zu lassen, was innerhalb gesagt oder beschlossen wurde."

Für Varoufakis ist die Eurogruppe dieses Deep Establishment, jene Instanz der EU, "deren Existenz in keinem der EU Verträge vorgesehen ist, die jedoch die wichtigsten Entscheide fällt". Sie kann das, gerade weil ihre Kompetenzen nicht definiert sind. Varoufakis, in England ausgebildeter Ökonom, der im akademischen Bereich tätig gewesen war, amtierte als griechischer Finanzminister von Januar bis Juli 2015 und versuchte in den Verhandlungen mit der Eurogruppe, die von der "Troika" (Internationaler Währungsfonds, Europäische Zentralbank und Europäische Kommission) verhängten Austeritätsmassnahmen abzumildern. Der Autor, bekannt auch als Verfasser von ökonomischen Lehrbüchern, liefert hier einen Erlebnisbericht, der spannend und aufschlussreich zu lesen ist, eben weil der Autor in den Insiderkreis eingedrungen ist und berichtet, was man kaum je im Detail zu hören bekommt.

Varoufakis ist bemüht, nicht in die Schwarzweissmalerei zu verfallen und keine Verschwörungstheorien aufzustellen; er begreift das griechische Drama als griechische Tragödie, in deren Verlauf die Protagonisten, gerade wenn sie das Unglück zu vermeiden suchen, dieses herbeiführen helfen. So beschreibt er, wie er zu manchen seiner Gegenspieler ein sozusagen freundschaftliches Verhältnis hatte – z.B. zu Christine Lagarde, Generaldirektorin des Internationalen Währungsfonds, Pierre Moscovici, Europäischer Kommissar oder George Osborne, damaliger britischer Finanzminister – jedoch fasziniert ist durch die Art und Weise, wie die Hauptakteure selbst verstrickt sind in den Ablauf des Dramas, dessen Ausgang sie nicht ermessen. So Christine Lagarde, die Varoufakis gegenüber zugibt, dass sie genau wisse, dass die Griechenland von der Troika aufgezwungenen Massnahmen nie das offiziell erklärte Ziel erreichen werden, "dass man aber zuviel in das Programm investiert habe, um jetzt zurück zu können".

Dem an demokratischen Institutionen interessierten Leser bringt das Buch nicht viel Aufmunterung. Wie Varoufakis' Text immer wieder bestätigt, spielen in den Kreisen der EU-Eliten demokratische Erwägungen keine wesentliche Rolle. So, wenn der deutsche Finanzminister Schäuble in der Eurogruppe erklärt, dass eine demokratische Parlamentswahl (in Griechenland) keinen Einfluss auf die Wirtschaftspolitik haben könne, oder wenn die Eurogruppe Griechenland unter Druck setzt, das angesagte Referendum über den Vertrag mit der Gläubiger-Troika (das Memorandum of Understanding, MoU) wieder abzublasen, da der Stimmbürger nicht imstande sei, solch komplizierte Zusammenhänge zu verstehen.

Mit seinem Buch hat Yanis Varoufakis seine Sicht der Dinge dargestellt – nämlich, dass es damals nicht um die "Rettung Griechenlands" ging, sondern um jene der deutschen und französischen Banken und die Stärkung der Autorität der internationalen Institutionen, ein Umstand, der von den Mainstream Medien (auch in der Schweiz) weitgehend verschwiegen wurde. Damit hat sich der Autor wohl für immer vom Insiderkreis verabschiedet und sich zurück in den Bereich der "Outsiders", der Aussenstehenden, begeben. Viele der Diskussionen, die er in Brüssel, Washington und Athen führte, sind im Text in direkter Rede wiedergegeben. Der Autor versichert, dass er zahlreiche Gespräche selbst aufgenommen habe oder seine eigenen Notizen benutzt habe, und wo er sich auf sein Gedächtnis verlassen musste, sich von Augenzeugen den Inhalt des Gesagten habe bestätigen lassen. Ein bedeutendes Buch, das als historisches Zeugnis unserer Zeit wohl wertvoll bleiben wird. (Christian Jungen)

Yanis Varoufakis "Adults in the Room. My battle with Europe's deep establishment" Penguin Random House, London 2017, dt: Die ganze Geschichte: Meine Auseinandersetzung mit Europas Establishment, München: Kunstmannverlag.

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