Die Größe ist es, die uns umbringt!

Das Problem ist eigentlich klar und deutlich umrissen: Überschüsse, Umweltzerstörung, soziale Härtefälle, Landschaftsveränderungen. Die Landwirtschaft produziert heute industriell zuhanden der Nahrungsmittelindustrie. Sie folgt den Gesetzen der monopolkapitalistischen Wirtschaft und der EU-Wirtschaftspolitik, die nur den freien Markt, nicht aber dessen Folgen berücksichtigen.

Von Univ.-Prof. Dr. Alfred HAIGER, Universität für Bodenkultur, Wien

"Die Grösse ist es, die uns umbringt!" (L. Kohr 19987)

Zur ökologischen Situation

In den letzten 40 Jahren hat sich in der Landwirtschaft mehr geändert als in Jahrhunderten zuvor. Das soll mit österreichischen Zahlen verdeutlicht werden (ähnlich ist es in allen westlichen Industriestaaten gelaufen). So haben sich die Flächenerträge etwa verdreifacht, allerdings bei sechsfachem Düngemittel- und noch höherem Spritzmittel- und Fremdenergieaufwand. Auch in der Nutztierhaltung haben sich die Leistungen vervielfacht (z.B. stieg die Milch- bzw. Eierleistung je Tier um das Dreifache). In der gleichen Zeit ist der Anteil der Erwerbstätigen auf etwa ein Fünftel zurückgegangen, was durch eine enorm kostspielige Motorisierung und Mechanisierung kompensiert werden mußte. Gemessen am durchschnittlichen Einkommen der unselbständig Erwerbstätigen haben sich die Lebensmittel in der gleichen Zeit auf ein Drittel bis ein Zehntel verbilligt.

Diese Politik der "billigen Nahrungsmittel" durch Einführung industrieller Produktionsmethoden in der Landwirtschaft (Spezialisierung, Intensivierung und Rationalisierung) hat aber auch gravierende ökologische Schäden verursacht. Der starke Chemieeinsatz (Dünge- und Spritzmittel) hat schwerwiegende Grundwasserbelastungen zur Folge. Die Verarmung der Fruchtfolgen bis zur Monokultur und der Einsatz überschwerer Traktoren und Maschinen haben zu argen Bodenverdichtungen und großflächigen Abschwemmungen (Erosionen) geführt. In den intensiv wirtschaftenden, stark spezialisierten Tierhaltungsbetrieben mit hohen Bestandesdichten (Tiere je Boden- bzw. Stallfläche), aufwendiger Haltungstechnik und maximalen Leistungsanforderungen kommt es zu steigenden Ausfällen, erhöhter Krankheitsanfälligkeit und in der Folge zu vermehrtem Medikamenteneinsatz. Schließlich kann nicht übersehen werden, daß die industriemäßige Landbewirtschaftung auch zu einer starken "Ausräumung" der in Jahrhunderten gewachsenen Kulturlandschaft geführt hat. Dies könnte auch die Deviseneinnahmen aus dem Fremdenverkehr gefährden.

Die entstandenen Überschüsse können auch nicht darüber hinwegtäuschen, daß der einzelne Bauer wie die Landwirtschaft als ganzes und damit die Versorgungslage der gesamten Bevölkerung mit Lebensmitteln enorm importabhängig geworden sind. Einerseits werden jährlich fast 1 Million Tonnen Düngemittel (Energie bzw. Salze), rund 500.000 Tonnen Eiweißfuttermittel und ca. 80.000 Tonnen Pflanzenfette importiert, das entspricht jeweils ca. 2/3 des Bedarfes, andererseits müssen Überschüsse (Getreide, Rindfleisch, Milch, Wein etc.) mit Stützungen im Ausmaß von mehreren Milliarden exportiert werden.

Global gesehen verbraucht rund 1/5 der Weltbevölkerung in den Industriestaaten knapp 4/5 der Energie- und Rohstoffvorräte unserer Erde. Das hat in der Landwirtschaft dazu geführt, daß die "Weltagrarmärkte zu Abraumhalden geworden sind, auf denen die reichen Industrieländer mit hohen Subventionen ihre Überschüsse abladen und anderen Ländern aufzwingen" (WEINSCHENK 1990). Durch unsere völlig falsche Agrarpolitik (gleichermaßen zutreffend für die gesamte Wirtschaftspolitik, die auf weltweiten Freihandel setzt) werden sowohl die Entwicklungsländer als auch die westlichen Industriestaaten langfristig geschädigt: Erstere durch die enormen Futterexporte (allein die EG-Staaten haben 1990 fast 30 Mio t Futtermittel aus Entwicklungsländern importiert), was großteils den Anbau von Grundnahrungsmitteln für die dortige Bevölkerung verdrängt, und in den Industriestaaten erfordert der ruinöse Preisverfall auf den Weltagrarmärkten immer größere Budgetanteile für die Lagerung und den Export von Überschüssen. Die Einkommen der Bauern selbst kommen aber in beiden Staatengruppen unter starken Druck, sodaß die Landflucht zunimmt und die Ballungszentren wie "Krebsgeschwüre" wachsen.

Die "EU-Lösung" bleibt das Problem

Die enorm hohen Kosten für die "Gemeinsame Agrarpolitik" (GAP) der EU hat im Juni 1992 zu einer einschneidenden Reform geführt, die nach dem damaligen Agrarkommissär als "Mac Sharry-Plan" bekannt wurde. Da die Agrarausgaben 1991 mit rund 500 Mrd. Schilling über 60 % des gesamten Haushaltes der EU betrugen, mußten drastische Sparmaßnahmen gesetzt werden. Ein zweiter Grund bestand im drohenden Scheitern der Uruguay-Runde der seit 1986 laufenden GATT-Verhandlungen. Die einschneidendsten Maßnahmen sind die Preissenkungen bei Getreide um 33 % auf den Ziel-Weltmarktpreis von öS 1.650,-/t, bei Rindfleisch in drei Schritten um 15 % und für Milch um 5 % bei jährlichen Quotenkürzung um 1 %. Bei Rindfleisch werden auch die Interventionskäufe von derzeit 900.000 t bis 1997 auf 350.000 t gesenkt, was zu einem weiteren Preisverfall führen wird. Für diese drastischen Preissenkungen sind unter bestimmten Nebenbedingungen (Flächenstillegungen, Rinderhöchstbesatz etc.) Ausgleichszahlungen vorgesehen. Diese Marktentlastungsmaßnahmen allerdings unter dem Titel "Ökologisierung der Landwirtschaft" zu verkaufen, wie dies in Österreich geschieht, ist reiner Etikettenschwindel. Auf den stillgelegten Flächen dürfen zwar keine Pflanzen für die menschliche Ernährung angebaut werden, jedoch können nachwachsende Rohstoffe mit unbegrenzter Intensität angebaut werden. Da es auch auf den anderen Flächen keine Begrenzungen des "Chemieeinsatzes" gibt, kann auch keine Rede von Ökologisierung sein. Im Gegenteil, auf den "Biospritflächen" wird es höchstwahrscheinlich zu einem hemmungslosen Dünge- und Spritzmitteleinsatz kommen, denn das Erntegut geht ja nicht in den Nahrungsmittelsektor, sondern wird lediglich als industrieller Rohstoff verwendet. Das entspricht jedenfalls der Logik einer industriellen Landwirtschaft, wie sie die EU fördert und Österreich nach dem EU-Beitritt auch nachvollziehen muß.

Besinnung und Umkehr tut not

Die Agrikultur ist auch im Industriezeitalter die Voraussetzung für jede andere menschliche Kultur. Die Erhaltung eines leistungsfähigen Bauernstandes müßte daher ein gesamtwirtschaftliches Anliegen sein bzw. muß durch beharrliche Öffentlichkeitsarbeit dazu gemacht werden. In der geschilderten ökologischen Situation (Abschnitt 1) ist der biologische Landbau schlechthin die Alternative zu diesem absurden, ruinösen und kostspieligen Landbewirtschaftungssystem, das unsere Lebensgrundlagen (Boden, Wasser, Luft, Pflanzen und Tiere) arg gefährdet. Denn er beruht auf der natürlichen Bodenfruchtbarkeit, einer artgemäßen Viehwirtschaft (Haltung, Fütterung, Zucht) und pflegt gleichzeitig die gewachsene Kulturlandschaft. Der Landwirtschaft obliegt neben der Inlandsversorgung mit hochwertigen Grundnahrungsmitteln die Erhaltung wesentlicher Lebensgrundlagen und die Bauern sollen dafür ein entsprechendes Einkommen erwirtschaften. Diese dreifache Aufgabe verlangt ein Bündel von Maßnahmen wie: rigorose Produktionsbeschränkungen auf das Ausmaß der natürlichen Bodenfruchtbarkeit, Bindung der Tierhaltung an die Fläche, Abstockung übergroßer Bestände gegen finanziellen Ausgleich bzw. Einhebung von Abgaben, ein wirksamer Außenhandelsschutz und die Förderung von Alternativen (Eiweißfutter, Ölsaaten, Mutterkuhhaltung, Schafhaltung etc.). Schließlich sind für eine gewisse Übergangsperiode auch produktionsneutrale Einkommenstransfers nach ökologischen und sozialen Gesichtspunkten denkbar. Langfristig müßte allerdings das Einkommen der ökologisch wirtschaftenden Bauern über entsprechende Produktpreise gesichert werden, wenn folgendes Ziel von der Gesellschaft akzeptiert würde:

Jeder Staat muß sich seine Grundnahrungsmittel auf Basis der natürlichen Bodenfruchtbarkeit und artgerechten Tierhaltung selbst erzeugen und gleichzeitig die gewachsene Kulturlandschaft pflegen.

Eine grundsätzliche Wende ist aber nur möglich, wenn die lebensbedrohenden Auswirkungen der industriellen Landbewirtschaftung nicht beschönigt, sondern eingesehen werden, die Politiker mehr auf die Ökologen hören als auf die Ökonomen (Gestaltungs- statt Gefälligkeitspolitik), die Wissenschafter sich an den Naturgesetzen orientieren und nicht am freien Markt (Paradigmen-wechsel), aus Landwirten wieder Bauern werden (Humusmehrung) und die Konsumenten (das sind wir alle) durch ihr Kauf- und Stimmverhalten den notwendigen Druck erzeugen (=praktizierte Ethik). Das alles wird im Industriezeitalter des gewinnmaximierenden Monopolkapitalismus nicht von selbst geschehen, doch wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Ein Zitat am Ende: "Die EG ist nicht dazu da, daß es den Menschen besser geht, die EG ist dazu da, daß es der Wirtschaft besser geht - so steht es in den Römer-Verträgen." (A. FROHNMEYER, 1991, EG-Verkehrskongreß, Berlin).

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