Gründe des Schweizerischen Obstverbandes gegen ein Agrarfreihandelsakommen mit der EU
Interview von suisseurope, Zeitschrift des Integrationsbüros EDA/EVD (Bundeshaus Ost, Bern) mit Pius Jans, dem Präsidenten des Schweizerischen Obstverbandes.
Als Präsident des Schweizerischen Obstverbandes lehnen Sie den Agrarfreihandel mit der EU ab. Ihr Hauptgrund?
Obst und Beeren zu produzieren ist sehr arbeitsintensiv. Durchschnittlich entfallen 60 Prozent der Produktionskosten auf die Arbeitskosten des Betriebsleiters und der vielen Angestellten und Saisonniers. Dieser bedeutende Kostenfaktor würde aufgrund unserer geschützten Lohnkosten auch bei einem Agrarfreihandel unverändert bleiben. In der Schweiz verdient ein Saisonnier knapp 20 Franken pro Stunde, im EU-Durchschnitt die Hälfte.
Die Auswirkungen wären laut einer Studie der Uni St. Gallen fatal: ein Preiszerfall von 50 %, Marktanteilsverluste von 30 % und ein Drittel weniger Obstbaubetriebe.
Die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Produzenten würde dank günstigeren Produktionsmitteln gestärkt. Wie gross schätzen Sie diesen Effekt ein?
Sehr gering, weil bei unseren Produkten eben nicht die Kosten für Produktionsmittel, sondern die Kosten für die Löhne übermässig ins Gewicht fallen. Selbst wenn unsere Produzenten sämtliche Kosten für Pflanzgut, Dünger, Pflanzenschutz, etc. abziehen könnten, wäre ein Kilo Äpfel, in der Schweiz produziert, immer noch teurer als im benachbarten Ausland.
Mit Begleitmassnahmen sollen die Produktionsbetriebe beim Übergang in die neue Marktsituation unterstützt werden. Welche konkreten Massnahmen sind aus Ihrer Sicht sinnvoll?
Wir verlangen, den arbeitsintensiven Obst- und Gemüsesektor ganz von einem Abkommen auszuklammern. Eine Liberalisierung anderer Agrarsektoren könnten wir allenfalls unterstützen. Andernfalls müssten wirksame Kompensations- und Begleitmassnahmen analog dem EU-Früchtemarkt eingeführt werden, die den Steuerzahler stark belasten würden. Unerlässlich wären auch eine Harmonisierung von Gesetzen, eine Differenzierung der Direktzahlungen nach der Arbeitsproduktivität, Entschuldungsmassnahmen sowie Übergangsfristen.
Wie schätzen Sie die Zukunft ihrer Branche ein, wenn es keinen EU-Agrarfreihandel, aber doch einen Abschluss der WTO-Verhandlungsrunde (Doha) gibt?
Genauso wenig wie die weltweite Entwicklung der Nahrungsmittelproduktion voraussehbar ist, wissen wir heute, wie gross die WTO-Konzessionen letztlich sein werden. Ein Zollabbau von durchschnittlich 54 %, wie er momentan vorgeschlagen wird, wäre für uns zwar ausserordentlich folgenschwer, aber immer noch weniger einschneidend als ein vollständiger Zollabbau im Rahmen eines Agrarfreihandels mit 27 EU-Staaten. Im übersättigten EU-Markt warten die wenigsten Konsumenten auf die Frischobst-Exporte aus der Schweiz mit Ausnahme der Nischenmärkte. Wenn Befürworter mit solchen Sachzwängen für den Agrarfreihandel argumentieren, finde ich dies im Übrigen nicht sehr fair.
Der Schweizerische Obstverband (SOV) vertritt die Produzenten und Verarbeiter von Obst und Beeren gegenüber Behörden, Wirtschaft, Konsumenten und Öffentlichkeit. www.swissfruit.ch. Aus: suisseurope August, 2008, S. 7, Zeitschrift des Integrationsbüros.
