von Oliver Zimmer
Das Forschungsprogramm «Horizon Europe» ist einem hierarchischen Wissenschaftsbild verpflichtet. Talentierte junge Forscher sollten ihre Projekte aber ohne bürokratische Auflagen entwickeln und umsetzen können.
Letzten November 2021 wandten sich die Vertreter von mehr als 1000 Universitäten und Fachhochschulen, 56 wissenschaftlichen Akademien sowie zahlreicher Rektorenkonferenzen an Ursula von der Leyen. In ihrem Schreiben baten sie die EU-Kommissionspräsidentin, das Vereinigte Königreich zum Forschungsprogramm «Horizon Europe» (offizielle Bezeichnung: «9. Rahmenprogramm der Europäischen Union für Forschung und Innovation») zuzulassen.
Begründung: Die grossen Herausforderungen der Zeit – besonders der Klimawandel und die Digitalisierung – seien ohne globale Kooperation nicht zu meistern. Hier gehe es, so argumentierten die Forscher dezidiert politisch, ja um nicht weniger als um «Europas strategische Autonomie». Dieses Ziel lasse sich «ohne eine enge Zusammenarbeit mit dem engsten Partner der EU im Bereich Forschung und Innovation kaum (. . .) erreichen».
Ähnlich wie bei der Schweiz hatte sich die EU-Kommission auch beim Vereinigten Königreich dazu entschlossen, «Horizon» als politisches Druckmittel einzusetzen. Geht es hierzulande ums Rahmenabkommen, so geht es im Falle Grossbritanniens um die Umsetzung des Nordirland-Protokolls. Diskriminierung als Druckmittel der EU-Politik, das Muster ist bekannt.
Angst vor Prestigeverlust
Dass die Petition der europäischen Wissenschafter keiner Sympathiebekundung für Grossbritannien gleichkommt, weiss jeder, der europäische Zeitungen liest. Was sie motivierte, ist schon eher die Angst vor einem Verlust an Prestige. Viele Forscher hatten sich mit britischen Unis – allen voran Oxford, Cambridge und den Londoner Spitzenuniversitäten Imperial College und University College – zusammengetan. Eine Kollaboration mit Akademien dieser Güteklasse verspricht neben Geld auch Punktegewinne bei den globalen Rankings.
Einige Mitunterzeichner fürchteten wohl, mit dem britischen Partner auch das beste Rennpferd im Stall zu verlieren. Ein anderes schnelles Rennpferd im Wettkampf um Drittmittel – die Schweizer ETH – lancierte kürzlich zusammen mit drei britischen Forschungsorganisationen die Petition «Stick to Science». Zwei Bittschriften an eine durch und durch politische Behörde – hier deutet sich bereits an, welchen Begriff von Wissenschaft Mammutprogramme wie «Horizon» fördern.
Trotz dem massiven Budget (Projektsumme 2021–2027: 95,5 Milliarden Euro) gelingt es nur ganz wenigen, einen der begehrten Grants des European Research Council zu ergattern. Wirtschaftssoziologen sprechen in solchen Fällen von positionalen Gütern. Ihr Anreiz besteht darin, dass der grösste Teil der potenziellen Nutzer von der Nutzung ausgeschlossen wird: «The winner takes it all.» Das mag teilweise erklären, warum «Horizon» bei Uni-Rektoren und Wissenschaftsmanagern derart beliebt ist.
Begeistert sind verständlicherweise auch die exzellent Qualifizierten, die – nachdem sie Monate in ihren Antrag investierten und während dieser Zeit von einem Heer von Administratoren und Beratern gecoacht wurden – den Ritterschlag in Form eines ERC-Grant erhalten. Beim Rest bewirkt diese Art von Forschungsförderung dagegen nicht selten eine Spirale der Enttäuschung.
Dass es sich bei den erfolgreichen Projekten nicht immer um die inhaltlich stärksten handelt, ist ein offenes Geheimnis. Auch will nicht jeder ein halbes Jahr in die Vorbereitung eines Antrags investieren; denn das wertvollste Gut für einen mit Forschung und Lehre betrauten Professor, das ist immer noch die Zeit. In Oxford waren es in meinem Fach jedenfalls oft die originellsten Köpfe, die dieser Art von Forschungsförderung konsequent aus dem Weg gingen.
Zudem sind beispielsweise klinisch tätige Mediziner kaum in der Lage, 50 Prozent ihrer Zeit in die Leitung eines Forschungsprojekts zu investieren. Genau dazu müssen sie sich bei den besonders begehrten ERC-Grants jedoch vertraglich verpflichten.
Fördergelder und Pflichtbeiträge
Ist ein Programm wie «Horizon» tatsächlich ein «Segen» für die Wissenschaft? Die Frage stellt sich schon deshalb, weil Schweizer Uni-Rektoren und Wirtschaftsvertreter bei diesem Thema zuweilen recht verwegen argumentieren. Wer in der Champions League spielen wolle, so lautet der Tenor, der müsse bei «Horizon» zwingend akkreditiert sein. Hochbezahlte Professoren an Schweizer Unis könnten bei einem Ausschluss von «Horizon» in die EU-Zone abwandern.
Für grosse Talente, inklusive solcher, die das Zeug zum Nobelpreisträger hätten, könnte der Forschungsplatz Schweiz langfristig an Attraktivität verlieren. So oder ähnlich wird nun im Wochenrhythmus gewarnt.
Ihre rundweg positive Einschätzung von «Horizon» rechtfertigen Uni-Rektoren und ihre Fürsprecher in Politik und Wirtschaft gern mit dem Hinweis, dass die Schweiz übers Ganze gesehen mehr Fördergelder beziehe, als sie Pflichtbeiträge an die EU einzahle. Hier dient also finanzieller Input als Indikator für wissenschaftlichen Erfolg. Dagegen werden die beträchtlichen Summen für Verwaltung, Lobbying, Beratung und Coaching, die Universitäten in solche Rahmenprogramme investieren, kaum je thematisiert.
Wie dem auch sei: Ob der erwähnten düsteren Prognosen wagt man kaum zu fragen: Wie viele Nobelpreisträger, wie viele Mathematiker und Geisteswissenschafter, die ihre Disziplin durch bahnbrechende Leistungen auf Jahrzehnte hinaus befruchtet haben – wie viele von ihnen hätten unter einem von «Horizon» geprägten Wissenschaftsregime gedeihen können?
Nachhaltig ist Wissenschaft doch wohl vor allem dann, wenn sie den talentiertesten unter den jungen Forschern hilft, ihre Ideen ohne destabilisierende Hierarchien und bürokratische Auflagen zu entwickeln und umzusetzen. Ist «Horizon» dazu geeignet? Ich habe diese Frage kürzlich mit einem britischen Historiker und einer Schweizer Naturwissenschafterin diskutiert – beides gestandene Professoren, die auf ihrem Gebiet Spitzenleistungen erbracht haben.
Beide berichteten unabhängig voneinander, «Horizon» sei einem hierarchischen Wissenschaftsbild verpflichtet. Im Zentrum der besonders begehrten ERC-Grants stehe der Principal Investigator (PI). Der Historiker meinte, dass Nachwuchskräfte in diesem System wie «die Günstlinge des grossen PI» behandelt würden. Für Talente mit eigenen Ideen sei ein solches System ungeeignet; ausser man verstehe unter Nachwuchsförderung, dass man junge Forschende mittels einer Finanzspritze noch ein paar Jahre bei der Stange halte.
Die Naturwissenschafterin teilte diese Einschätzung weitgehend. Den kreativsten Nachwuchsleuten sei am meisten gedient, wenn man sie mit den nötigen Ressourcen ausstatte und sie ihre Partner dann frei wählen lasse. Ob diese Partner in Basel oder Los Angeles, in Brüssel oder Singapur, in München oder in Tokio forschten, dürfe hier keine Rolle spielen.
Wissenschaft beginnt nicht mit dem Wettkampf um positionale Güter, sondern mit einer Idee. Ihr Horizonte versetzendes Elixier ist die Freiheit. Oliver Zimmer, NZZ, 25. Februar 2022, S. 19.