Schweizer Geld für die Festung Europa
Von Piotr Dobrowolski, Wien
Mit fast 490 Millionen Franken ist Polen das Land, das am meisten von jener «Kohäsionsmilliarde» profitieren soll, mit der die Schweiz ihren Beitrag an die Förderung von zehn neuen EU-Mitgliedern leistet. Doch wer sich vor Ort auf die Suche nach dem Geld macht, hat es schwer. Die Kanäle, in denen das Geld versickert, sind zwar bekannt, jedoch lang, verstaubt und mit unzähligen Ordnern, Papierbergen und Formularen gepflastert.
Der erste Versuch führt in das Ministerium für regionale Entwicklung in der Wspólna-Strasse von Warschau. Magdalena Bukowska, die dort unter anderem für die Kohäsionsmilliarde zuständig ist, hat wenig Zeit. «Wissen Sie, es ist knapp vor Dienstschluss», eröffnet sie recht unkonventionell das Gespräch. «Schweizerisch-polnisches Programm der Zusammenarbeit» heisst etwas knöchern das bürokratische Unterfangen, in dessen Rahmen die Schweizer Gelder verwaltet werden.
Welche konkreten Projekte sollen also gefördert werden? Magdalena Bukowska stockt und setzt zu einer längeren Aufzählung an: «Zu den thematischen Schwerpunkten zählen erstens Sicherheit, Stabilität und Unterstützung von Reformen, zweitens Umwelt und Infrastruktur, drittens Unterstützung des Privatsektors, viertens soziale Entwicklung und Entwicklung von Human Ressources.» Überdies seien in einem Spezialblock zwanzig Millionen Franken, also rund vier Prozent der Gesamtsumme, ausschliesslich für Projekte von nichtstaatlichen Organisationen (NGO) vorgesehen. Aha, und eine Spur konkreter? «Da müssen Sie Herrn Dylag von der Behörde für die Realisierung der Europäischen Programme fragen.»
Tiimasz Dylag, der Mann für den zweiten Versuch, ist viel beschäftigt; doch er ist einer, der gerne weiterhilft. Die Zuteilung der Gelder habe erst begonnen. Nur für die Bereiche der öffentlichen Sicherheit und der Regionalentwicklung lägen bereits Projektanträge vor. Die Projekte des Sicherheitsbereichs sind ein Kapitel für sich. Anders als bei den übrigen Themen gibt es hier kein Auswahlverfahren. Die Projekte werden direkt vom Innenministerium genehmigt und haben in erster Linie den Zweck, Polens Ostgrenze und somit die Schengen-Aussengrenze weiter auszubauen. Schweizer Geld für die Festung Europa also. Von diesem Geld profitieren die Polizei, der Grenzschutz sowie das Amt für Flüchtlingsfragen.
Bei der Regionalentwicklung läuft es etwas anders: Mitmachen darf, wer mitmachen will. In einer ersten Auswahl werden die Anträge von der polnischen Behörde gesiebt, bevor dann die Schweiz noch ihren Segen gibt. 37 Projekte liegen zurzeit vor. Eine genaue Lektüre der Antragsliste bestätigt die Vermutung, dass hier - wie bei vergleichbaren EU-Programmen auch - um so manches ersucht wird, was das Land nicht wirklich braucht. So möchte etwa das «Nationale Forum für Karriereberatung in Warschau» Gelder, um das Projekt einer «lebenslangen Karriereberatung als Instrument zur Weckung des Unternehmergeistes bei Jugendlichen und anderen Personen aus dem landwirtschaftlichen Bereich» zu verwirklichen. Der Verein der Liebhaber der Region Muszyna, einer lieblichen Hügellandschaft im Süden Polens, schreibt seinerseits: «Auf die Frage, womit wir die Schweiz verbinden, wird die Mehrheit antworten: Präzision, Kapital, hervorragender Organisation, Sauberkeit und landschaftlicher Schönheit. Das hat auch unser Projekt zum Ziel.» Und weiter: «Wir wollen, dass die oben erwähnten Eigenschaften dank unseres Programms auch mit uns assoziiert werden.» Das Projekt trägt den Titel «Unsere Schweiz».
Im dicken Konvolut aus eingereichten Projekten sind auch Lichtblicke zu finden. So möchte zum Beispiel die staatsnahe Agentur für den Agrarmarkt in Südostpolen eine «Produktions- und Logistikkette für Öko-Nahrungsmittel» aufbauen. Generell dominieren aber entweder hochspezialisierte oder völlig unnötige Anträge - manche besitzen auch beide Eigenschaften. Unter den Antragstellern sind zwar auch NGOs wie etwa die «Stiftung Schule ohne Barrieren» zu finden. Dominiert wird die Liste jedoch von Organen lokaler Verwaltungen.
Marcela Wasilewska, AnlaufsteIle beim dritten Versuch, will nichts Böses über das Programm sagen. Sie sitzt im Zentrum Warschaus und beschäftigt sich im Auftrag des Centrum Szpitalna, dem Dachverband polnischer NGOs, mit diversen europäischen Finanzierungsprogrammen. Dass die Anzahl der von der Kohäsionsmilliarde begünstigten NGOs so gering sei, liege daran, dass die Anträge für den Bereich soziale Entwicklung und Entwicklung von Human Ressources noch nicht gestellt seien. Denn gerade in diesem Bereich stünden die Chancen, Gelder zu erhalten, gut - man rechne mit vier Prozent der Projektgelder.
Die geringe Geldsumme, mit denen die nichtstaatlichen Organisationen zu rechnen haben, sieht Wasilewska nur bedingt als Problem. «In Polen gibt es rund 50000 NGOs. Die meisten von ihnen haben ein sehr geringes Budget. Wenn sie Projekte mit jährlichen Kosten von umgerechnet rund 8500 Franken einreichen, bedeutet dies oft eine Verdoppelung ihres Jahresbudgets.» Was Wasilewska eher Sorgen macht, ist die geringe Bekanntheit der Kohäsionsgelder. «Wir machen jedoch viel, um es populär zu machen.» Erfolgreich waren ihre Bemühungen bisher aber offenbar nicht. Auch bei den grössten polnischen NGOs erntet man bei einer Frage nach der Kohäsionsmilliarde bestenfalls erstaunte Blicke. Die Versuche vier, fünf und sechs verlaufen daher im Sande: Greenpeace betont, ohnehin kein Geld von derartigen Programmen zu nehmen; WWF Polska ist nicht einmal in der Lage zu sagen, ob man schon etwas von den Schweizer Geldern gehört hat; und der Pressesprecher von Attac Polen schliesslich verspricht, sich umgehend um die Sache zu kümmern. WoZ, 29. Januar 2009, S. 10
