Freundlich und unmissverständlich
Der EU-Kommissions-Präsident zeigt sich in einem Brief an den Bundesrat gesprächsbereit. In der Sache bleibt er aber hart, etwa bei der Frage eines institutionellen Rahmenabkommens unter Einschluss auch der bestehenden Verträge. Der zweiseitige Brief des EU-Kommissions-Präsidenten José Manuel Barroso an Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf datiert vom 21. Dezember des letzten Jahres. Er wurde unmittelbar nach den Schlussfolgerungen des EU-Rats versandt, auf die er sich auch bezieht. Der Bundesrat nahm ihn am vergangenen Mittwoch zur Kenntnis, ohne Stellung zu nehmen.
Eine offizielle Information gab es nicht. Das Aussendepartement publizierte aber an einer praktisch unauffindbaren Stelle auf seiner Homepage das Schreiben. Die «Berner Zeitung» bekam Wind davon und berichtete kurz über das Fundstück. Das Versteck aufgespürt hatte auch die FDP, die am Donnerstag mit einer Medienmitteilung reagierte. «Brief der EU-Kommission zeigt: Viel Lärm um nichts!», heisst es im freisinnigen Communiqué. Barrosos Worte zeigten, dass die gegenwärtigen bilateralen Verträge Bestand hätten.
Diese Lesart ist keineswegs zwingend. In freundlichem Ton, aber unmissverständlich gibt nämlich der Kommissionspräsident zu verstehen, dass eine institutionelle Lösung, wie sie die Schweiz vorgeschlagen hatte, für Brüssel nicht infrage kommt. Voraussetzungen für neue Marktzugangserträge sei ein horizontales Rahmenabkommen, das neue und alte Abkommen umfassen soll. Ein vorgezogenes Stromabkommen werde es nicht geben.
Barroso bedankt sich für die Bereitschaft der Schweizer Gerichte, sich an die EU-Rechtsprechung anzulehnen, doch genüge dies nicht. Die Schweiz müsse internationale Institutionen ins Auge fassen, die jenen im EWR ebenbürtig seien (der Begriff supranational taucht in den EU-Dokumenten zur Schweiz zurzeit nie auf). Dem Vorschlag, dass die EU verhältnismässige Kompensationsmassnahmen ergreifen könnte, wenn die Schweiz einen Teil des Acquis nicht übernimmt, erteilt Barroso ebenfalls eine Absage.
Das Schreiben deckt sich mit den Schlussfolgerungen des EU-Rats im Dezember, es ist aber prägnanter und unmissverständlicher als die schwerfälligen strategischen Erörterungen der Mitgliedstaaten. Barroso gibt der Hoffnung Ausdruck, dass die am 29. Januar auf Ebene der Staatssekretäre geplanten Gespräche zu Fortschritten führen werden. Die Kommission will auch über eine Weiterführung der Kohäsionszahlungen diskutieren sowie über einen finanziellen Beitrag zur Erweiterung der Union auf Kroatien, schreibt Barroso.
Auch die SVP äusserte sich zum Schreiben aus Brüssel. «Die Schweiz ist auf keine neuen Abkommen mit der EU angewiesen», heisst es in einem Communiqué. Der Bundesrat sei mit seinen Vorschlägen zu den institutionellen Fragen im vergangenen Jahr bereits viel zu weit auf die EU zugegangen. Weitere Konzessionen seien zu vermeiden. Für weitere Kohäsionsbeiträge gebe es keinen Grund, schreibt die Partei. NZZ, 11. Januar 2013, S. 8.
