Teure Höflinge - EU-Rechnungshof
Die Mitglieder des Europäischen Rechnungshofs sind stark im Abzocken und schwach bei der Kontrolle. Mit der Osterweiterung bläht sich die Skandalbehörde auf. Unter der Sonne ihrer Heimat lässt es sich die Griechin Kalliopi Nikolaou gut gehen, frei von finanziellen Sorgen. Monat für Monat erhält sie aus der Kasse der Europäischen Union Tausende Euro. Die 66-jährige promovierte Oekonomin hat Anspruch auf hohe Üebergangsgelder und eine stattliche Pension, seit sie Ende 2001 den Europäischen Rechnungshof in Luxemburg verlassen hat. Sechs Jahre gehörte sie dem 15-köpfigen Leitungskollegium der EU-Prüfungsinstanz an. Dass die Europäische Anti-Betrugsbehörde (Olaf) gegen sie ermittelt und ihren Fall an die Luxemburger Justiz abgegeben hat, muss Nikolaou in ihrer Ruhe nicht stören. Allerdings ist die Liste der Vorwürfe lang. Als Mitglied des Hofes habe sie
- ihre häufig wechselnden Büromitarbeiter zu finanziellen Gegenleistungen in Höhe von mehreren 10000 Euro angehalten,
- einen Neffen auf einen der begehrten Beamtenposten bei der EU-Kommission mittels Tricksereien bei der Aufnahmeprüfung platziert,
- ihre Sekretärinnen tagtäglich für die Pflege der kranken Mutter eingesetzt,
- ungerechtfertigte Gehaltszulagen für den Ankauf eines Apartments in London verwendet.
Doch den Luxemburger Untersuchungsrichter interessiert nur, ob Nikolaou vorsätzlich widerrechtlich gehandelt hat, als sie ihrem Bürochef für angeblich nicht genommenen Urlaub 15000 Euro aus der EU- Kasse erstatten ließ. Alles andere seien Angelegenheiten des EU-Apparats. Die Pensionärin bestreitet die Vorwürfe.
Von den früheren Kollegen droht kein Ungemach. Die Mitglieder des Rechnungshofes haben darauf verzichtet, die in den europäischen Verträgen ausdrücklich vorgesehene Möglichkeit zu nutzen und im Falle Nikolaou den Europäischen Gerichtshof wegen des Verdachts eines schwer wiegenden Verstoßes gegen die Amtspflichten anzurufen. Die EU-Institution Rechnungshof, neben Ministerrat, Kommission, EU-Parlament und EU-Gerichtshof eine der Säulen der Gemeinschaft, scheut die öffentliche Aufmerksamkeit. Zwar preist sich die Luxemburger Behörde als "finanzielles Gewissen" der EU, als "vollkommen unabhängiges Prüforgan" zur Kontrolle von Einnahmen und Ausgaben der Union. Doch das ist nicht der Fall.
Schon bei der Bestellung der Oberkontrolleure bleibt deren Unabhängigkeit auf der Strecke. Die Kandidaten, je einer pro EU-Staat, erhalten nur formal parlamentarische Weihen. Fällt ein Bewerber wegen Qualifikationsmängeln beim Hearing im Europaparlament durch, kann er von seiner Regierung dennoch ins Amt gedrückt werden - so geschehen bei einem Italiener, einem Schweden und einem Griechen. Im Gegensatz zu den Direktoren der EU-Zentralbank, die im Interesse ihrer Unabhängigkeit einmalig auf acht Jahre bei Verbot der Wiederbestellung eingesetzt werden, können die Mitglieder des Europäischen Rechnungshofes nach sechsjähriger Amtszeit wieder ernannt werden. Das fördert die Bereitschaft zur Gefälligkeit gegenüber den Heimat-Regierungen. Die alljährlichen Wälzer, in denen die Luxemburger ihre Kontrolltätigkeit ausbreiten, sind Dokumente gepflegter Langeweile. In endlosen Sitzungen bügeln sie Spitzen und Kanten in den Zulieferungen platt, die 550 Hof-Beamte aus Brüsseler Behörden und nationalen Betrieben heranschaffen. Selbst in eklatanten Fällen von Subventionsmissbrauch ist zumeist nur anonym von einem "Unternehmen in einem Mitgliedsland" die Rede. Gefördert wird solches Wohlverhalten durch die selbst für EU-Maßstäbe grotesk üppigen Pfründen. Das Grundgehalt eines jeden der 15 Höflinge liegt bei gut 17000 Euro monatlich, in etwa auf dem Niveau eines EU-Kommissars. Dazu kassieren sie eine 15-prozentige Residenzzulage, Familienzuschläge, Kindergeld, Erziehungsbeihilfen - zusammen noch mal gut 3000 Euro.
Überdies genießen die Hof-Mitglieder Diplomatenstatus. Bei Einkäufen gleich welcher Luxusgüter im Gastland Luxemburg können sie sich die Mehrwertsteuer erstatten lassen. Ihre Oberklasse-Dienstwagen dürfen sie für Privatfahrten kostenlos nutzen - bis zu einer Strecke, die sie rund um den Globus führen würde. Unter Überarbeitung haben die Hof-Mitglieder nicht gerade zu leiden. Jedem von ihnen steht ein so genanntes Kabinett zur Seite, mit einem Bürochef, einem Attache, zwei Sekretärinnen, einem Fahrer - Kosten für den europäischen Steuerzahler: pro Monat rund 25000 Euro. Mit der Erweiterung um zehn neue EU-Staaten am 1. Mai werden zehn zusätzliche Mitglieder des Europäischen Rechnungshofes bestellt. Denn auch die Neuen im Club wollen mit eigenen Leuten dazwischenfunken können, wenn kontrolliert wird, wo die begehrten Subventionen landen. Der Spiegel, 14/2004, S. 120 (29. März)
