Italien auf Kollisionskurs
Italiens neuer Regierungschef Renzi hofft, die EU-Budgetregeln aufweichen zu können. Er hat auch Programme angekündigt, mit denen er vom Konsolidierungskurs abzuweichen droht. EU-Präsident Van Rompuy und der Kommissionspräsident Barroso haben an einer Pressekonferenz in Brüssel mit süffisantem Lächeln auf eine Journalistenfrage reagiert, die sich um die Budgetpläne des neuen italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi drehte. Die Mimik der EU-Funktionäre erinnerte an das Schmunzeln der deutschen Bundeskanzlerin Merkel und des früheren französischen Präsidenten Sarkozy im Oktober 2011 über den damaligen italienischen Regierungschef Berlusconi. Das Lächeln von Van Rompuy und Barroso reflektierte denn vielleicht auch eher Verlegenheit. Beide wussten nicht so recht, wie sie auf die brisante Frage antworten sollten, ohne den neuen italienischen Ministerpräsidenten und dessen Land zu brüskieren, wo schon jetzt weitherum heftig über die «von den EU-Technokraten» diktierte Austeritätspolitik gewettert wird.
Unverkennbar ist aber doch die Sorge in Brüssel, dass Renzi selbst von dem schon bisher nur widerwillig verfolgten Kurs zur Haushaltskonsolidierung abweichen könnte. Diese Bedenken sind nicht unbegründet. Renzi polemisiert schon längere Zeit gegen die Maastricht-Defizit-Limite von 3% des Bruttoinlandprodukts (BIP), die er am Mittwoch als «anachronistisch» anprangerte. Am Tag darauf versicherte der 39-jährige Regierungschef beim EU-Gipfel zwar wieder, dass sich Italien an die Regel halten werde, doch zugleich erklärte er, dass er sich während der italienischen EU-Präsidentschaft im zweiten Semester um eine Lockerung der Zwangsjacke bemühen wolle.
Nebst diesen zwiespältigen Äusserungen beunruhigt aber auch, dass Renzi bereits kostspielige Stimulierungsprogramme angekündigt hat, doch deren Finanzierbarkeit grösstenteils ungeklärt geblieben ist. Nicht nur das. Der Regierungschef suggerierte, dass für Steuerermässigungen 6,4 Mrd. mobilisiert werden könnten, indem die öffentliche Hand die Neuverschuldung in diesem Jahr nicht wie bisher geplant von 3% auf 2,6% des BIP vermindere, sondern unverändert lasse.
Ob der Spielraum selbst rechnerisch überhaupt vorhanden ist, wird aber von einigen Haushaltsexperten bezweifelt, die befürchten, dass die Neuverschuldung schon jetzt an die 3%-Grenze stösst. Ganz abgesehen davon verletzt aber das von Renzi propagierte Schuldenmachen vor allem auch das gegenüber den EU-Partnern seit Jahren bekräftigte und 2012 erst noch in der italienischen Verfassung verankerte Ziel, den Haushalt mittelfristig auszugleichen. Ausserdem ist Italien laut dem EU-Fiskalpakt erst noch dazu angehalten, bereits ab 2015 den Teil des öffentlichen Schuldenbergs, der 60% des BIP überragt, um jährlich einen Zwanzigstel abzubauen. Wie das gelingen soll, lässt Renzi erst recht unbeantwortet. Doch der Schuldenberg hat 133% des BIP erreicht, so dass Italien den Anteil der Verbindlichkeiten um jährlich gut 3,5% des BIP reduzieren müsste.
Bei einem bereits ausgeglichenen Staatshaushalt würde das ein nominelles Wirtschaftswachstum von 3,5% erfordern. Doch zum einen ist Italien noch weit vom Haushaltsausgleich entfernt, und zum andern zeichnete sich wegen der vielen wirtschaftlichen Strukturprobleme nur eine magere Konjunkturerholung ab, nachdem die Konjunktur nach 2007 um rund 9% eingebrochen war. Die EU-Kommission prognostizierte kürzlich ein Realwachstum von 0,6% und 1,2% in diesem und im nächsten Jahr, wobei nur mit schwachen Zunahmen des BIP-Deflators von 1,1% und 1,4% gerechnet wird.
Schliesslich ist zweifelhaft, ob nun endlich die neue Regierung jene Reformen durchsetzen kann, die zur Beschleunigung des Wachstums und zur Sanierung der Staatsfinanzen erforderlich wären. Renzi wirkte mit seinen vollmundigen Versprechen bisher eher wie ein Bauernfänger vom Schlage eines Berlusconi denn wie ein echter Reformer. Zu denken gab dieser Tage, wie er den Sonderkommissar für die «spending review», Carlo Cottarelli, im Regen stehenliess, als dieser einen Plan zur Reduktion der Staatsausgaben um 34 Mrd. bis 2016 vorlegte. Ein Handicap ist für Renzi aber auch schon der Umstand, dass er nicht dank Neuwahlen, sondern durch einen parteiinternen Coup an die Macht gelangte und weiterhin eine Regierungskoalition anführt, die höchst heterogen ist und nur über eine relativ knappe Parlamentsmehrheit verfügt. NZZ, 22. März 2014, S. 27
