Westbalkanpolitik der Schweiz
Verhinderung von Migration durch wirtschaftliche Entwicklung heisst die Devise der schweizerischen Balkanpolitik. Es waren die jugoslawischen Zerfallskriege der 1990er Jahre und die dadurch ausgelösten Flüchtlingswellen, die in Westeuropa zur Einsicht führten, dass man sich um diese Gegend kümmern müsse: «Wenn wir auf dem Balkan nicht präsent sind, kommt der Balkan zu uns.» Dies ist die mehrheitsfähige Philosophie, mit der die Ausgaben für Sicherheit und Entwicklung auf dem Westbalkan vor den Schweizer Steuerzahlern legitimiert werden. In den letzten zehn Jahren waren es über 1,5 Milliarden Franken. Die Schweiz teilt das Konzept «Migrationsprävention durch Entwicklung» mit der EU.
Ihren Beitrag zum Aufbau von EU-Mitgliedsstaaten sieht die Schweiz vor allem in zwei Bereichen: in der «Governance» (gute Regierungsführung) und in der Unterstützung der wirtschaftlichen Entwicklung. Die Stärkung der politischen Gemeinden geschieht im Kontext von Dezentralisierungsprozessen, die in den Ländern der Region entweder im Gang sind (Mazedonien) oder geplant werden (Kosovo). Damit verbunden ist die Absicht, die Bürgergesellschaften zu stärken, sie zu aktiven und kritischen Initiatoren des Wandels zu machen. Traditionsgemäss soll ein besonderes Augenmerk den Minderheiten gelten. Im wirtschaftlichen Bereich sollen die rechtlichen Rahmenbedingungen für Unternehmen verbessert werden, soll der Zugang zu Krediten erleichtert und die Berufsausbildung optimiert werden. Neben Regierungsführung und Wirtschaft wird Erziehung, Gesundheit und Wasser sowie Fragen der Geschlechterbeziehungen und der Jugend generell Aufmerksamkeit geschenkt.
Eine Schweizer Spezialität stellt die Förderung lokaler Kulturarbeit dar, die von Pro Helvetia im Auftragsverhältnis für die Deza durchgeführt wird. Anders als der British Council oder das deutsche Goethe-Institut präsentiert Pro Helvetia nicht die Kultur des Geberlandes, und es steht auch nicht der Austausch von Kulturschaffenden im Vordergrund. Stattdessen sollen die neu heranwachsenden lokalen und regionalen «Kulturlandschaften» gefördert werden. Sie werden als wichtiger Teil einer sich ausdifferenzierenden Bürgergesellschaft, als Kern einer neuen kulturellen Identität gewertet, die über die Nationalkultur hinausweist. NZZ, 3. November 06, S. 17.
