Erste Schritte der EU- Verteidigungsagentur
Die EU-Verteidigungsminister haben sich an einem Treffen über die Pläne für die Europäische Verteidigungsagentur informieren lassen. Diese neue Institution soll zur Umsetzung der Sicherheits- und Verteidigungspolitik beitragen und der EU bis 2010 Instrumente geben, "um weltweit zu Sicherheit und Stabilität beitragen zu können".
An ihrem Treffen in Noordwijk in den Niederlanden haben die EU-Verteidigungsminister am Freitag erstmals auch ihre neue Aufgabe als Lenkungsausschuss der Europäischen Verteidigungsagentur wahrgenommen. Diese neuste Institution zur Umsetzung der EU-"Verteidigungspolitik" befindet sich im Aufbau, und die Ende Juli eingesetzte operationelle Führung ist am Vorbereiten der ersten Arbeitsprogramme. Die Agentur soll zur Optimierung der gemeinsamen europäischen "Verteidigungs-Fähigkeiten" beitragen, die Kooperation bei der Beschaffung von Waffen fördern sowie Impulse für die Konsolidierung der europäischen Rüstungsindustrie und die Schaffung eines wettbewerbsfähigen Rüstungs- Binnenmarktes geben.
Durch mehr Zusammenarbeit bei der Entwicklung, Auswahl und Besorgung von Rüstungsgütern und durch den Abbau von Doppelspurigkeiten in den einzelnen nationalen Beschaffungsprogrammen möchte die EU mit den in den Mitgliedstaaten insgesamt für die Sicherheitspolitik verfügbaren Mitteln einen höheren Gegenwert erzielen. Diese grossen Anstrengungen sind vor der Selbsteinschätzung der EU als globaler Akteur zu sehen, der Verantwortung für die Sicherheit und Stabilität in der Welt mitträgt. Die EU will sich bis zum Jahr 2010 die nötigen zivilen und militärischen Instrumente in die Hand geben, um auch eigenständig "Krisenbewältigung", vom gesamten Spektrum von humanitären Aufgaben über Polizeimissionen bis hin zu Kampfeinsätzen, leisten zu können.
Schlüsselelement des Planziels 2010 ist die Bereitstellung von modern ausgerüsteten und schnell verfügbaren Gefechtsverbänden. Diese raschverlegbaren Kampftruppen (engl. "Battle Groups") in Bataillonsstärke, einschliesslich Kampfunterstützung und Logistik 1500 bis 2000 Mann, sollten bereits wenige Tage nach einem Beschluss der EU zur Einleitung einer Operation mit der Ausführung ihres Auftrages im Einsatzgebiet beginnen. Diese spezielle Form der Krisenreaktion wäre gleichsam die supermobile Speerspitze der seit Ende 2003 als einsatzfähig bezeichneten EU-Eingreiftruppe, der aufgetragen ist, notfalls binnen 60 Tagen 60000 Soldaten, 400 Flugzeuge und 100 Schiffe zu mobilisieren.
Mit diesen Kampfgruppen, von denen im Verlauf des Jahrs 2005 die ersten zwei bis drei und bis 2007 insgesamt, zur Verfügung stehen sollen, möchte die EU insbesonders in der Lage sein, dringenden Ersuchen der Uno für Kriseninterventionen Folge zu leisten. In der ersten Phase werden nach Auskunft des EU-Militärstabs die ausbildungs- und ausrüstungsmässig führenden Mitgliedstaaten die Hauptlast dieser «Battle Groups" tragen. Die Planer in Brüssel gehen aber davon aus, dass es mit der Zeit auch regionale multinationale Verbände, beispielsweise mit finnischen, schwedischen und baltischen Einheiten, geben wird. Vorgesehen ist ferner, dass sich einzelne Kampfgruppen auf gewisse Aufgaben spezialisieren. Letztlich gehe es bei diesem Konzept auch um eine Verbesserung der Qualität der Streitkräfte mit dem Ziel, die "nach wie vor bestehenden Defizite" abzutragen.
Diese "Mängel" betreffen insbesondere die satellitengestützte Aufklärung, die sichere Kommunikation und den strategischen Luft-, Land- und Seetransport zur raschen Verlegung von Truppen in entfernte Krisengebiete. Bis 2010, hat sich die EU in ihrem Planziel vorgenommen, sollen diese Lücken weitgehend geschlossen werden. Dazu braucht es aber nach Überzeugung des EU-Verantwortlichen für die gemeinsame Aussen- und Sicherheitspolitik, Javier Solana, zusätzlich zur "klügeren Verwendung von vorhandenen Mitteln auch höhere Militärausgaben in den einzelnen Mitgliedstaaten".
Eine kürzlich veröffentlichte Gallup-Umfrage hat ergeben, dass 71 Prozent der befragten Europäer sich dafür aussprechen, dass neben den USA auch die EU zu einer Supermacht werde. Aus dem gleichen Kreis von Befürwortern verabschiedeten sich aber umgehend 47 Prozent, falls die Erreichung dieses Ziels in ihrem Land höhere Verteidigungsausgaben voraussetzt. NZZ, 18./19. September 04, S. 2