In Bulgarien finden allabendlich Proteste gegen die korrupte Staatsspitze statt. Dass die EU recht unkritisch hinter der Regierung in Sofia steht, ist für viele der EU-freundlichen Demonstranten eine herbe Enttäuschung.
Eine der sonst meistbefahrenen Strassen im Zentrum Sofias ist zurzeit eine Fussgängerzone. Demonstranten blockieren in kleinen Zeltstädten die Zufahrt zum «Boulevard des Befreierzaren», der nach dem russischen Herrscher Alexander II. benannten Hauptachse im historischen Kern der bulgarischen Hauptstadt. Nur Krankenwagen werden durchgelassen. Auf dem Denkmal gegenüber dem Parlamentsgebäude hält der Zar, dessen Krieg gegen das Osmanische Reich 1878 zur Unabhängigkeit Bulgariens führte, seit einem der allabendlichen Protestumzüge ebenfalls ein Plakat in der Hand. «Nieder mit der Mafia!» steht darauf geschrieben. Geplante Verfassungsänderung kommt nicht gut an
Seit Anfangs Juli 2020 versammeln sich jeden Abend unzufriedene Bürger vor dem Regierungsgebäude und ziehen dann der gesperrten Prachtstrasse entlang, um den Rücktritt von Regierungschef Bojko Borisow und Generalstaatsanwalt Iwan Geschew sowie vorgezogene Neuwahlen zu fordern.
Zehntausende, wie zu Beginn, sind es nicht an diesem Abend Ende August. Energie verströmen die Veranstaltungen, die immer auch Happenings sind, dennoch. Aus den Lautsprechern dröhnt laute Musik mit politischen Texten. Eine nordmazedonische Band, die während der Pandemie das italienische Partisanenlied «Bella ciao» zu «Corona ciao» umgedichtet hat, singt nun «Borisow ciao». Laut Umfragen unterstützen 60 Prozent der Bevölkerung die Proteste.
Der bulgarische Ministerpräsident überraschte die Öffentlichkeit im August mit der Ankündigung, eine Verfassungsänderung auf den Weg zu bringen. Den Wind hat er den Unzufriedenen damit aber nicht aus den Segeln genommen. Der Frust ist grösser denn je. Laut Rechtsexperten würden die Vorschläge der Regierung die Probleme, allen voran die grossen Vollmachten des Generalstaatsanwalts, die noch auf sozialistische Zeit zurückgehen, sogar weiter verschärfen.
Auch sonst scheint das Manöver durchsichtig. Die Anpassung der Wahlregeln für die verfassunggebende Versammlung, die anstelle eines neuen Parlaments gewählt werden müsste, bevorzugte laut Oppositionspolitikern Borisows regierende Partei Gerb. «Im September, wenn die Leute vom Strand zurück sind, wird es hier wieder richtig losgehen», erklärt Arman Babikjan, einer der Organisatoren der Proteste. Tatsächlich versammeln sich Ende August die Demonstranten wieder in weit grösserer Zahl vor dem Regierungsgebäude. Es kam zu gewaltsamen Zusammenstössen mit der Polizei und zu zahlreichen Festnahmen.
Bulgarien – ein gekaperter Staat?
Ausgelöst wurden die Demonstrationen durch eine Reihe von Vorfällen, die deutliche Hinweise auf das gaben, was viele im Land seit langem zu wissen glauben: dass zwielichtige Oligarchen grossen Einfluss auf die Regierung und die Justiz ausüben und diesen schamlos zu eigenen Gunsten ausnutzen. Mit anderen Worten, dass Bulgarien ein gekaperter Staat ist.
Eine treibende Kraft der Protestbewegung ist Christo Iwanow, der Vorsitzende der Oppositionspartei «Da, Bulgaria!» (Ja, Bulgarien!). Der frühere Justizminister landete im Juli mit einem Schlauchboot an einem öffentlichen Strand vor der Villa des landesweit bekannten Oligarchen und Ex-Politikers Ahmed Dogan und wurde erwartungsgemäss umgehend von Sicherheitspersonal weggeführt.
Kurz darauf machte Präsident Rumen Radew, der mit Borisows Regierung auf Kriegsfuss steht, öffentlich, dass es sich dabei um Mitarbeiter des regierungseigenen Personenschutzes gehandelt habe, auf den Dogan gar kein Anrecht habe. Am nächsten Tag stürmte zur Vergeltung eine Einheit der Generalstaatsanwaltschaft den Präsidentenpalast und nahm zwei Berater fest. Das brachte das Fass zum Überlaufen, die Proteste begannen.
Mafia-Methoden
Bereits seit Monaten sorgte zudem eine Enthüllung der NGO Anti Corruption Fund für Gesprächsstoff. Die mehrteilige Videoreportage zeigt detailliert und sorgfältig belegt den Fall eines Geschäftsmanns, der sich zur Regelung eines Rechtsstreits an einen zwielichtigen Mittelsmann mit Kontakten zur Staatsanwaltschaft wendet. Der Streit wird zu seinen Gunsten gelöst, doch später wird der Unternehmer mit Tricks und Drohungen gezwungen, sein gesamtes Eigentum zu überschreiben. Mittlerweile lebt er, ein gebrochener Mann, im Ausland.
Eine direkte Verstrickung der höchsten Ebene der Macht lässt sich in diesem Fall nicht belegen. Doch der Mittelsmann soll über gute Beziehungen zu Generalstaatsanwalt Geschew verfügen. Zu seinem Schutz steht immer ein Streifenwagen vor seinem Büro. Hoffnungen auf eine Aufklärung der Affäre macht man sich bei Anti Corruption Fund nicht. Die bulgarische Staatsanwaltschaft trage nicht nur nicht zur Korruptionsbekämpfung bei, sondern sei selber eine Quelle der Korruption, so drückt es ein Protestteilnehmer aus.
Nikolaj Stajkow, den Gründer der NGO, treffen wir an dem Tag, als der russische Regierungskritiker Alexei Nawalny mit Vergiftungserscheinungen ins Spital eingeliefert wird. So schlimm wie in Russland sei es in Bulgarien nicht, sagt Stajkow. Doch Drohungen erhalte auch er. Kurz nachdem er den Mittelsmann mit den Vorwürfen aus dem Film konfrontiert habe, seien bei ihm alle halbe Stunde anonyme telefonische Anfragen nach einem Bestattungsinstitut eingegangen. Sein Wohnhaus wurde mit Eiern besudelt. Das plakative, unter den Demonstranten verbreitete Narrativ vom «Mafia-Staat» wird von solchen Geschichten genährt.
Wachsende Kritik an der EU
Für Christo Iwanow und viele andere Regierungsgegner gibt es aber noch eine andere Dimension des Problems: die ungebrochene internationale Unterstützung für die bulgarische Regierung, besonders in Brüssel und in Berlin. Obwohl das Land auf Expertenebene immer wieder wegen Mängeln in der Korruptionsbekämpfung und der fehlenden Aufsicht über den Generalstaatsanwalt kritisiert wird, etwa von der Venedig-Kommission, wird der Regierung des ärmsten Mitgliedsstaates von politischer Seite regelmässig der Rücken gestärkt.
Vergangenes Jahr empfahl die EU-Kommission sogar die Entlassung aus dem ungeliebten Kontroll- und Kooperationsverfahren, dem sich das Land wegen seiner Rechtsstaatsprobleme seit dem EU-Beitritt 2007 unterziehen muss. Für viele bulgarische Regierungskritiker war das ein Schlag ins Gesicht. Nach Ausbruch der Proteste im Juli erklärte Manfred Weber, der Fraktionsvorsitzende der Europäischen Volkspartei, zu der auch die bulgarische Regierungspartei Gerb gehört, eilfertig seine Solidarität mit Borisow.
«Die bulgarische Bevölkerung ist eine der EU-freundlichsten überhaupt», erklärt der Oppositionspolitiker Iwanow im Gespräch. Dabei gehe es aber nicht, wie man im Westen glaube, primär um das Geld aus Brüssel, sondern um die Stärkung der Institutionen und das Versprechen von Rechtsstaatlichkeit. «Doch dieses Versprechen wird nicht eingelöst. Das untergräbt das Vertrauen in die Union.» Tatsächlich ist der Frust über die EU an den Demonstrationen gegen die Regierung deutlich spürbar. «Als Pro-Europäer muss man in Bulgarien zurzeit EU-kritisch sein», sagt Iwanow dazu.
Strukturhilfen gegen Stimmen im Europaparlament
Zwei junge Unternehmer werden noch deutlicher: «Die EU hat einen korrumpierenden Einfluss auf unser Land», erklären sie im Gespräch. Aus der Entwicklungszusammenarbeit wisse man, dass Geldflüsse ohne rechtsstaatliche Rahmenbedingungen schädlicher seien als gar kein Geld. Sie hielten korrupte Systeme am Leben. «Ohne die Milliarden aus dem Wiederaufbaufonds wäre Borisow wahrscheinlich schon weg. Aber so gibt es einfach für zu viele zu viel zu holen.»
Dass Unternehmer und Angestellte aus der boomenden IT-Industrie des Landes die tragende Kraft der Protestbewegung sind, passt ins Bild. Der exportorientierte Technologiesektor ist der einzige Wirtschaftszweig, der unabhängig vom Staat funktioniert und sich deshalb auch eine kritische Distanz zur Macht leisten kann. Namentlich genannt werden wollen die beiden Unternehmer trotzdem nicht. «Jedes Mal, wenn ich mich öffentlich äussere, habe ich während Wochen Inspektionen in meiner Firma.»
Dass viel Geld versickert, weiss man auch in Brüssel. Auf kürzlich veröffentlichten Mitschnitten von Telefongesprächen gibt der Landwirtschaftsminister sogar selber zu, dass getrickst werde. Solange Bulgarien in allen wichtigen Fragen die EU-Politik und insbesondere die Linie der konservativen Fraktion unterstütze, zu der auch die CDU der deutschen Kanzlerin Merkel und der Kommissionspräsidentin von der Leyen gehöre, nehme man das aber in Kauf, sind die beiden Unternehmer überzeugt.
Borisow spiele diese Karte bewusst. «Für uns als stark von der Kohle abhängiges Land hätte es gute Gründe gegen den Green Deal gegeben. Unsere Regierung hat dennoch dafür gestimmt – aber nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil sie damit in Brüssel punkten kann.» Anders als seine Amtskollegen in Polen oder Ungarn, wo Victor Orban das Konzept einer illiberalen Demokratie preist, fordere Borisow zudem die EU ideologisch nie offen heraus. Auch deshalb würden die rechtsstaatlichen Mängel im Land nicht als grundsätzliches Problem für die Union wahrgenommen.
«Ich glaube, am Ende sind wir Brüssel einfach nicht wichtig genug», sagt der Oppositionspolitiker Iwanow. «Man will kein weiteres Problemkind in der EU, und deshalb schaut man nicht so genau hin, was bei uns passiert.» Aber viele Bulgaren wollen nicht mehr länger wegsehen. NZZ, 8. September 2020, S. 6
