Auf 287 Seiten versuchen die Autoren, eine Geschichte der Schweiz zu schreiben – der englische Titel des Buches lautet «A Concise History of Switzerland». Für Nicht-Schweizer Leser sind das wohl schon ziemlich viele Seiten, trotzdem muss ein solches Unterfangen recht oberflächlich bleiben. Das Buch ist aber durchaus lesenswert.
Die Autoren stellen sich in der Einleitung die Frage, warum heutige Leser überhaupt an den vielen komplexen Details der schweizerischen Vergangenheit interessiert sein könnten. Gemäss den Autoren hilft die Schweizer Geschichte, das Verständnis für die ganze Bandbreite politischer Möglichkeiten, die den Europäern im Laufe der Jahrhunderte zu Verfügung standen, zu erweitern.
Unter Historikern ist man sich heute einig, dass die Begriffe Schweiz und Schweizer als Bezeichnungen für ein überregionales Gebilde und seine Einwohnerschaft nicht vor dem 15. Jahrhundert Verbreitung gefunden haben und dass der gleichnamige neuzeitliche Staat erst seit dem frühen 19. Jahrhundert existiert, in seiner heutigen Form seit 1848. Die geografischen und historischen Bedingungen innerhalb und nördlich der Zentralalpen nach 1000 schufen indes nicht nur die Voraussetzungen, aus denen sich eine schweizerische Identität und ein gemeinsames politisches System herausbilden konnte, sie prägten dies auch entscheidend. Entsprechend wird im Buch zuerst diese Vorgeschichte von 1000 bis 1386 behandelt. «Städtische Autonomie war im mittelalterlichen Europa weitverbreitet. Viel ländliche Gemeinen überahmen im Hochmittelalter körperschaftliche Organisationsformen, jedoch erlangten sie den Status der Reichsfreiheit nur in wenigen Regionen, häufig aber in den Zentralalpen. Alpine Talschaftsgemeinden schlossen sich vom Wallis bis nach Graubünden zu politischen Korporationen [] zusammen mit eigenen Siegeln und eigener Rechtsprechung. Sobald sie über genügend Privilegien und Autonomierechte verfügten, schlossen sie sich als gleichberechtigte Mitglieder landestypischen Netzwerken von kommunalen Bündnissen an. Mehrere Faktoren ermöglichten diese Entwicklung: die günstige zentrale Lage mit ihren für die Reichspolitik in Italien fundamentalen Passübergängen, die relative Schwäche der wichtigsten feudalen Dynastien und der hohe Grad an Kooperation, den die Weidewirtschaft in den Alpen erforderte, was die Herausbildung von starken kollektiven Institutionen begünstigte. Das Leben in einer vielfältigen politischen Landschaft aus adligen, städtischen und dörflichen Milieus lieferte seinerseits Modelle und teilweise auch den Anstoss, sich in körperschaftlicher Form zusammenzuschliessen» (S. 26).
In der Zeitspanne zwischen 1386 bis 1520 wird dann die Entstehung der Eidgenossenschaft angesiedelt. Die geringe Grösse der einzelnen Stände – Zürich und Bern waren klein im Vergleich zu Florenz und Mailand – und die Kombination ländlicher und städtischer Kommunen machten den Zusammenschluss auf dem späteren schweizerischen Terrain zu einem eigenständigen Konstrukt. Die feudalen Herrscherhäuser (Habsburger, Savoyer) und regionale Häuser wie die Toggenburger und Württemberger spielten über 1400 hinaus im Norden eine wichtige Rolle, weshalb die Mitglieder der Eidgenossenschaft nur durch Kooperation und gegenseitige Unterstützung ihre relative Selbstbestimmung erhalten konnten.
Das dichte Netz politischer Bande um 1500 geriet durch die Reformation unter Druck. Institutionelle Entwicklungen kamen zum Stillstand. Trotzdem wurde die Schweiz von aussen zunehmend als eigenständige staatsähnliche Organisation betrachtet. Der Westfälische Frieden (1648), der den Dreissigjährigen Krieg beendete, brachte dem schweizerischen Gebiet die vollständige Befreiung von der Reichsgesetzgebung. Es entwickelte sich eine als Protoindustrialisierung bekannte ländliche Fabrikation sowie eine voralpine Käseindustrie, die für weiter entfernte Märkte produzierten. Ein weiteres Kapitel ist dem Ancien Regime von 1713 – 1798 gewidmet, das durch Oligarchisierung und politischen Stillstand geprägt war. Die Oligarchien wurden zwar oftmals von unten in Frage gestellt und bekämpft, gerieten aber auch durch das Gedankengut der Aufklärung in Misskredit. Bis zur französischen Revolutionen konnten sich die Oligarchien aber halten.
Der Franzoseneinfall im Jahr 1798 löste in der Schweiz eine politische Revolution und ein halbes Jahrhundert heftiger Kontroversen über den Geltungsbereich und die Ausgestaltung des künftigen Gemeinwesens aus. Ein paar Stichworte: Helvetik, Mediation, Restauration, Radikalismus, Sonderbund und Verfassung von 1848.
Die Jahre von 1848 – 1914 werden unter dem Titel «Die Bildung einer neuen Nation» behandelt, obwohl der Nationenbegriff wohl eher schwammig ist und auf die Schweiz wohl nicht zutrifft. In der Tat wird 1848 ein Bundesstaat gegründet, wobei die eigentliche Souveränität auf Bundesebene angesiedelt wird und nicht auf Bundesebene geregelte Bereiche bei den Kantonen bleiben, die entsprechend teilsouverän bleiben. In diese Zeit fällt auch ein schrittweiser Ausbau der direkten Demokratie. In der Verfassung von 1848 galt schon ein obligatorisches Verfassungsreferendum bei einer allfälligen Totalrevision der Verfassung, die von der Bevölkerung durch 50 000 Unterschriften angestossen werden konnte. Hinzu kam 1874 das fakultative Referendum und 1891 die Volksinitiative. Gleichzeitig erfolgte die Integration der Katholisch-Konservativen in die Institutionen, wobei die Angst vor der aufsteigenden Sozialdemokratie hier mitwirkte.
Im Kapitel «Erschütterungen des Krieges» (1914 -1950) schildern die Autoren die Entwicklungen während des ersten Weltkrieges, die Zwischenkriegszeit (Einführung von Proporzwahlen, Staatsvertragsreferendum, Generalstreik, Wirtschaftskrise, Frontenfrühling, geistige Landesverteidigung), die Stellung im zweiten Weltkrieg und die Spannungen mit den Alliierten nach dessen Ende. Die Zeit von 1950 bis 1990 behandeln sie unter dem Titel «die Zeit des Sonderfalls», und die Zeit nach 1990 unter dem Titel «Rückkehr zur Normalität?». Dabei wird unter anderem das Verhältnis zur EU-Integration beleuchtet (EWR, Bilaterale Verträge und diesbezügliche Entwicklungen bis Ende der Zehnerjahre). Die Autoren unterliegen dabei einer typischen Fehlinterpretation, indem sie die demokratiepolitischen Aspekte unterschlagen und die Debatte ein unangemessenes rechts-links-Schema pressen (Traditionalismus versus Weltoffenheit).
Clive H. Church, Randolph C. Head, Paradox Schweiz (2021), Eine Aussensicht auf ihre Geschichte, Zürich: Chronos
